Vorhang auf - Interview vom März 2003

"Bis zu meinem neunzehnten Lebensjahr war ich
Pop-Hasser, denn ich war Heavy-Metal Gitarrist"

Das Interview führte Frank Bülow.
Für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung bedanken wir uns bei Katharina von www.vorhang-auf.com

Frage:
Zunächst mal Glückwunsch zur Echo-Nominierung für den besten nationalen Künstler 2003. Der Preis ging allerdings an Herbert Grönemeyer. Bist Du enttäuscht?

Laith:
Nein! Ich habe es Ihm gegönnt. Wir wären alle überrascht gewesen, wenn das anders gelaufen wäre.

Frage:
Wie hat Dir die Verleihung denn sonst so gefallen?

Laith:
Die Verleihung hatte das schlechteste Publikum, das ich je in meinem Leben erlebt habe. Die Tatsache, dass Robbie Williams Stargast war, hatte Vor-und Nachteile, denn nach Ihm war halt nichts mehr. Es gab drei Höhepunkte, das war zum einen die Laudatio von Günter Jauch für Herbert Grönemeyer. Das war eine der schönsten Reden, die ich seit langem gehört habe. Und dann die beiden Robbie-Auftritte.

Frage:
Im letzten Jahr hast Du den „Comet“ für den besten Hip/Hop/R & B Künstler abgelehnt, weil Du Dich nicht in diesem Genre siehst und auf gewisse Missstände hinweisen wolltest. Hat dies etwas bewirkt?

Laith:
Wenn ich das mit meiner Echonominierung vergleiche (Pop/National) könnte man theoretisch folgern „ja“, aber ich kann nicht sicher sagen, dass es etwas gebracht hat. Viva scheint zumindest nicht so sauer gewesen zu sein, denn die präsentieren nach wie vor unsere Tour. Aber die haben mich mit der Nominierung damals einfach in die falsche Sparte
gesteckt. „Fettes Brot“ haben bestimmt auch laut gelacht als die gesehen haben, dass sie mit mir in der gleichen Kategorie sind.

Frage:
Was hat „Laith“ eigentlich vor „Bilder von Dir“ gemacht? Hast Du einen „richtigen“ Beruf gelernt oder studiert?

Laith:
Ich habe direkt nach dem Zivildienst eine Ausbildung zum
medizinisch technischen Radiologie-Assistenten angefangen (das sind so die einatmen, ausatmen Jungs und Mädels), alles in allem ein sehr ehrbarer Beruf, wenn man das nicht
unbedingt im Klinikum Mannheim lernt, weil man da erst nach 8 Monaten Ausbildung mit dem Praktikum beginnt. Der „Ich-arbeite-mit-Menschen“-Faktor ist dann erst ganz am Schluss der Kette und das war eigentlich der Grund, warum ich das
machen wollte. Deswegen habe ich das dann gelassen und danach ehrlich gesagt mehr aus Verzweiflung 3 Semester Soziologie studiert, wobei die Fakultät für mich mehr ein Gebäude von außen als von innen war. Es gab zu dieser Zeit auch schon Coverbands in denen ich gesungen habe. Da gab es auch schon ein bisschen Geld, das hat mich immer so aus den gröbsten Finanzkrisen herausgeholt.

Frage:
Was glaubst Du wie es weitergehen wird mit dem Musikbusiness? Die Tonträgerverkaufszahlen gehen weiter in den Keller. Die illegalen Brennereien und Downloads bekommt man nicht in den Griff. Was glaubst Du, wohin das führt?

Laith:
Sollte irgendjemand es schaffen ein neues Medium zu entwickeln, was ich mir momentan aber nicht vorstellen kann - ich wüsste zumindest nicht wie - dann gäbe es vielleicht
einen Neuanfang. Aber das Ei haben sich die Schallplattenfi rmen selbst gelegt, damit dass man die CD in dieser Form zugelassen hat. Wie weit das alles geht ist eine sehr gute Frage. Ich denke, dass man sich wahrscheinlich irgendwann einigen muss auf eine Art Musikbörse, die über das Internet genauso funktioniert wie jetzt über den Handel. Also ganz klar, solange es keine Einigung gibt zwischen Plattenfirmen, Internet und den Nutzern wird das Problem definitiv schlimmer werden!

Frage:
War es schon immer Dein Traum als Popmusiker Fuß zu fassen?

Laith:
(schmunzelt) Ich möchte Feuerwehmann werden! Nein, das kann man nicht sagen, ich begann zum ersten Mal eine Ambition zu entwickeln nach den ersten zwei Bands, nachdem ich überhaupt ein bißchen Feedback von außen bekommen hatte, dass ich ganz gut singe. Nachdem ich regional ein wenig herumgereicht wurde von Band zu Band, kam dann mal die Überlegung. Bis zu meinem neunzehnten Lebensjahr war ich Pop-Hasser, denn ich war Heavy-Metal Gitarrist (Iron Maiden war ganz groß), ich hasste Wham und George Michael, den ich mittlerweile musikalisch sehr verehre, weil er ein sehr guter Musiker ist. Ich habe mir aber gedacht, dass Pop die Möglichkeit bietet, sich stilistisch nicht so festlegen zu müssen, was zur Zeit in Deutschland „noch“ nicht funktioniert, aber da arbeiten wir ja alle dran.

Frage:
Wie konntest Du Dich immer wieder motivieren, nach Ablehnung wieder neu durch zu starten?

Laith:
Hoch und Tiefs gibt es immer, die habe ich jetzt auch noch. Auch Zweifel, egal was Du tust. Ich habe einfach gelernt mit solchen Phasen umzugehen in meinem Leben. Feedback vom Freundeskreis, Konzerte vor Leuten, die Dich nicht kennen, wenn man da Erfolge erzielt gibt das enorme Motivation. Dieser lange Weg, den ich zwangsläufi g gegangen bin hat mich stark gemacht. Ich weiß, wo ich herkomme, ich weiß auch wie bitter es sein kann Musik zu machen. Wenn Dich keiner kennt und Dich niemand sehen will. Motivation kommt immer wieder aus mir selbst.

Frage:
Gab es Zeiten, wo Du Dir ernsthaft überlegt hast etwas ganz anderes zu machen?

Laith:
(erneutes Schmunzeln) Die gibt es immer wieder! Ich habe mit einem Moderator von Radio FFH gewettet, dass ich, wenn ich einen Echo bekomme, ein halbes Jahr im FFH-Land Würstel in einer Würstchenbude verkaufe. Ich saß ungelogen schon ein paar Mal vor den Anzeigen „Imbisswagen zu verkaufen“ und hab überlegt, wie es wäre, so einen Wagen zu haben.

Frage:
Ist die glitzernde Welt des Showbizz so wie Du Dir das immer
vorgestellt hast als Du noch nicht diesen Erfolg hattest?

Laith:
Ja, sie erfüllt alle negativen Erwartungen! Denn ich bin immer davon ausgegangen, dass das Buisness eine sehr sumpfi ge, verlogene, egoistische und subjektive Sache ist, und genauso ist es auch! Du arbeitest mit Leuten von denen Du nicht weißt warum sie Dich theoretisch mögen können oder ob sie es nur sollen. Du hast eine ganze Bandbreite von Klischees, die Du erfüllen müsstest, um irgendwo hinzukommen. Du hast wesentlich mehr Vorgaben, als Du denkst. Man muss erst mal einen gewissen Status erlangen, um das machen zu können was man will. Man muss außerdem ein Menschenbild erfordern, dass man mehr oder weniger aufgebaut bekommt. Du wirst immer nach den ersten
beiden Singles Deines Lebens beurteilt. Meine Fans nennen mich „Schmusepapst“ und„Knopfaugenprinz“, das kriege ich auch nicht mehr so schnell los.

Frage:
Kommst Du damit klar?

Laith:
Inzwischen ja!

Frage:
Was bringt Dich zum Lachen?

Laith:
Brust oder Keule (Luis de Funes). Es ist eigentlich ziemlich
einfach mich zum Lachen zu bringen, weil ich keinen anspruchsvollen Humor brauche, um zu lachen. Das kann von Kino über Theater oder ein gutes Buch wie z.B. gerade Dougles Adams „…durch die Galaxis“ alles sein!

Frage:
…. und was zum Weinen?

Laith:
Na das, was aktuell die Amerikaner und die Iraker da momentan machen, ist genug Grund zum Weinen. Ich glaube, das einzige, was ich mir so ein bißchen aus der Bibel herausklauen würde, das ist so das Nächstenliebe-Manko. Die „Wirtschaft“ macht mich traurig. Die Macht der Wirtschaft und die Macht des Geldes. Man steht vielen Dingen einfach machtlos gegenüber. Man weiß, dass den meisten Menschen, die man kennt, diese ganze Dinge die da geschehen, völlig stupide und sinnlos erscheinen, man aber
trotzdem nichts in der Lage ist etwas dagegen zu tun.


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