"Pforzheimer Zeitung"-Interview
vom 26. Januar 2004
"Deutscher Pop fasst Fuß"
Das Interview wurde von Petra Joos geführt.
Für die freundliche
Genehmigung zur Veröffentlichung bedanken wir uns
bei Kathleen von der Pforzheimer Zeitung .
Frage:
Herr Al-Deen, wie bewerten Sie die Neuerung „Pop statt Schlager“ bei der deutschen Vorausscheidung zum Grand Prix?
Laith:
Ich bewerte sie mal noch nicht. Ich bin ja sozusagen Mit-Pionier. Ich habe mich nur unter dem Gesichtspunkt, dass der musikalische Wettbewerb wieder im Vordergrund stehen soll, zur Teilnahme hinreißen lassen. Eigentlich weiß von uns keiner so genau, was das wird. Es geht aber darum, die letzten drei Jahre aufzuarbeiten und die Vorausscheidung so in Form zu bringen, dass die Repräsentation der Deutschen beim europäischen Grand Prix wieder ins Blickfeld rückt. In den letzten Jahren waren einige lächerliche Sachen dabei, was ich etwas schade fand, denn das fällt auch auf den Ruf Deutschlands zurück. Und da, denke ich, setzt man jetzt neu an.
Frage:
Wie kamen Sie zur Teilnahme an der Vorentscheidung ?
Laith:
Meine Plattenfirma hat mich gefragt. Ich gehe davon aus, dass der Norddeutsche Rundfunk auch alle anderen großen Plattenfirmen angefragt hat, denn der Grand Prix genießt ja nicht den besten Ruf.
Frage:
Steht schon fest, welchen Titel Sie singen werden?
Laith:
Ja, die zweite Single-Auskopplung aus dem neuen Album: „Höher“. Da gab's auch gar keine Kompromisse, denn wir schreiben nicht extra für den Grand Prix einen neuen Song.
Frage:
Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?
Laith:
Es ist schwer abzusehen. Die Konkurrenz ist groß, auch was den Teenie-Faktor angeht. Denn diese Zuschauergruppe wird in diesem Jahr definitiv vermehrt vertreten sein. Dabei sein ist für mich alles. Wenn ich nach Istanbul fahren dürfte, wäre ich natürlich stolz, aber ich rechne nicht damit.
Frage:
Können Sie als Texter in deutscher Sprache dem Schlager etwas abgewinnen?
Laith:
Ich muss zugeben, dass ich auch immer einer von jenen war, die gewettert haben, obwohl sie sich so wenig mit der Materie auskennen, dass es eigentlich eine Unverschämtheit ist, über den Schlager etwas zu sagen. Es gibt gewisse Standards, die diese Musik verlangt, mit denen ich mich nur schwer anfreunden kann. Ich finde aber die Trennung zwischen dieser volkseigenen, traditionellen Musik und anderen Stilen etwas drastisch. Denn es gibt im Schlagerbereich sehr gute Musiker, das darf man nicht vergessen.
Frage:
Wo ist die Grenze zwischen Schlager und Deutsch-Pop zu ziehen?
Laith:
Das ist ganz schwer zu sagen. Die Musikszene wird derzeit durch die ganzen Soap-Stars, die Musik machen, aufgemischt ebenso wie durch die diversen Castings. Das amerikanische Prinzig wirkt hier. Da kann man sich überhaupt nicht entscheiden: Ist die Musikrichtung jetzt wichtig oder funktioniert das alles nur über die Person und die Publicity?
Frage:
Kann man trotzdem eine Trennlinie ziehen?
Laith:
Ja, sicherlich von der Melodieführung, vom Rhythmus her. Aber schon bei den Inhalten verwischen die Grenzen wieder. Denn in vielen englischsprachigen Popsongs wird extrem oberflächlicher Kram geschrieben, da wäre sogar der ein oder andere Schlagertexter noch tiefsinniger. Ob Tiefgang immer sein muss, ist eine andere Frage. Denn die eingängigen Sachen sind immer die einfachen Sachen. Das ist im Pop genauso wie im Schlager.
Frage:
Pop ist die kommerziell erfolgreichste Musikrichtung. Die deutschen Charts werden aber vom englischsprachigen Pop angeführt, warum?
Laith:
Man muss dem Pop eine gewisse Eingängigkeit unterstellen, Stichwort Mainstream. Man versucht Musik zu schaffen, mit der man viele Menschen erreichen und ein gemeinsames Gefühl erzeugen kann. Das versuchen sehr, sehr viele. Und da Pop eben inhaltlich auch sehr oberflächlich sein kann, geht das auf Englisch besser, weil man es weniger bemerkt. Hinzu kommt die unterschiedliche Wirkung der Sprachen. Wenn ich im Englischen ,Hey baby‘ singe, ist das in Ordnung, Singe ich es in Deutsch, klingt es kitschig. Das ist zwar eine Farce, aber es ist eben so. Daran was zu ändern, fände ich toll. Das wird kein Einzelner schaffen. Im Moment haben wir weder ein großes Spektrum noch gibt es eine Lobby, die eine Lanze für die deutsche Musik bricht. Aber die baut sich gerade langsam auf.
Frage:
Wird der deutschsprachige Pop in Deutschland je dominieren können?
Laith:
Ich denke, er wird mehr und mehr Fuß fassen können, weil die Leute zunehmend spüren, wie groß der emotionale Faktor auf einem deutschsprachigen Livekonzert ist. Da teilen sich die Besucher was. Diese emotionale Gleichgesinntheit der Deutschen suchen sie auf einem englischsprachigen Konzert vergebens. In anderen Ländern tanzen die jungen Leute auf ihre traditionelle Musik genauso gerne wie zu einem englischsprachigen Popsong. Da ist die Ablehnung der muttersprachlichen Musik nicht so stark wie in Deutschland. Das wird sich bei uns vermutlich nie ganz legen, aber das Verlangen der Deutschen nach Texten, die sie verstehen, ist da. Die Hip-Hopper sind da bei uns schon am Ball, aus dem Rockbereich wird noch was dazukommen und aus der Popecke auch.
Frage:
Ist die Forderung nach einer deutschsprachigen Lied-Quote fürs Radio, wie sie im vergangenen Jahr wieder laut geworden ist, sinnvoll?
Laith:
Nein. Ich glaube der Deutsche lebt mit Zwang ganz schlecht. Zwänge haben wir schon genug. Ich bin auch dagegen, Amerikanismen oder Anglizismen aus der deutschen Sprache zu tilgen. Da wären wir die nächsten zehn Jahre sehr beschäftigt und es würde keinen Sinn machen. Ich finde, das muss auf einer freiwilligen Basis passieren, damit der Hörer das Gefühl hat, dass es seine Idee war, an der er auch Spaß haben kann.
Frage:
Was halten Sie von der Popakademie in Mannheim?
Laith:
Das wird sich zeigen. Im pädagogischen Bereich gibt es sicherlich einiges, was man einem jüngeren Musiker in Bezug auf seine Rechte und Pflichten mit auf den Weg geben kann, bevor er sich ins Business stürzt. Was bestimmte Erfahrungen angeht wie Live- und Studioarbeit, Umgang mit Menschen, Umgang mit Publikum, Auswahl von Musikern – das sind Sachen, die dauern ihre Zeit und brauchen eine Grundlage, die man nicht einfach erlernen kann.
Frage:
Sind Projekte wie „Deutschland sucht den Superstar“ der Popmusik dienlich?
Laith:
Derartige Sachen sind ein schöner Gesellschaftsspiegel. Es siegt die Schnelllebigkeit, weil teilweise dieselben Sender, die solche Projekte unterstützen, oder die Medien drumherum, von Anfang an Gegenmaßnahmen einleiten. Daran erkennt man, wie wenig Gehalt in solchen Projekten ist und wie schnell das alles von selbst wieder zurückgeht. Für die Teilnehmer auf eine erschreckende und teilweise unwürdige Art und Weise. Aber das sind eben die drastischen Maßnahmen der 2000er-Jahre. Von daher: Durch solche Projekte zu sehen, dass es doch nicht so einfach ist und mehr bedarf als eines schönen Gesichts und einer netten Stimme, gibt ihnen ihren Sinn.
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